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Kapitel 8 Arbeitsangebot, Beschäftigung und Produktivität

In Kapitel 7 haben wir den Zusammenhang zwischen dem BIP, d.h. der gesamtwirtschaftlichen Produktion, und der Beschäftigung bereits eingeführt. Dort haben wir gesehen, dass die kurzfristige Arbeitsnachfrage der Unternehmen insbesondere von ihren Produktionsplänen und damit von ihren Absatzerwartungen abhängt. In diesem Kapitel wollen wir nun näher betrachten, wie das aktuelle Niveau der Arbeitslosigkeit durch das Zusammenspiel von Nachfrage, Arbeitsangebot und Arbeitsproduktivität bestimmt wird. Dazu gehen wir für die Zwecke dieses Kapitels davon aus, dass die Nachfrage und damit die von den Unternehmen geplante Produktion exogen ist. Die Unternehmen passen das Produktionsvolumen durch ein entsprechendes Beschäftigungsniveau an die Nachfrage an.

Das „Arbeitsangebot“ unserer Ökonomie ist durch die Zahl der Erwerbspersonen gegeben. Die Zahl der Erwerbspersonen umfasst alle Personen, die eine selbständige oder abhängige Beschäftigung ausüben oder auf der Suche nach einer Beschäftigung sind. Somit gilt:

\[\begin{equation} \text{Erwerbspersonen} = \text{Beschäftigte} + \text{Arbeitssuchende} \tag{8.1} \end{equation}\]

Die Arbeitslosenquote definieren wir hier als das Verhältnis von Arbeitssuchenden zu Erwerbspersonen:

\[\begin{equation} \text{Arbeitslosenquote} = \frac{\text{Arbeitssuchende}}{\text{Erwerbspersonen}} \cdot 100 = \frac{\text{Erwerbspersonen} - \text{Beschäftigte}}{\text{Erwerbspersonen}} \cdot 100 \tag{8.2} \end{equation}\]

Arbeitslosigkeit - Eine Frage der Definition?

Die soeben eingeführte Berechnung der Arbeitslosenquote ist nur eine von vielen verschiedenen Definitionen der Arbeitslosigkeit. Tatsächlich weisen die offiziellen Statistiken auch unterschiedlich definierte Kennzahlen der Arbeitslosigkeit aus. Diese können sogar unterschiedlich sein, je nachdem, für welchen Zweck die Statistiken verwendet werden. Wenn es z.B. um die Berechnung der staatlichen Sozialleistungen geht, würde die Definition der Arbeitslosen relativ eng als die Gruppe der Leistungsberechtigten definiert. Handelt es sich hingegen um das allgemeine Wohlbefinden, so würden auch Personen ohne Leistungsanspruch, die unter Arbeitslosigkeit leiden, in die Arbeitslosenquote einbezogen. Es ist daher wichtig, auf die genaue Definition zu achten.

Wir gehen hier davon aus, dass die Zahl der Erwerbspersonen konstant und exogen ist. Da die Zahl der Beschäftigten und Arbeitssuchenden von der Arbeitsnachfrage der Unternehmen bestimmt wird, hängt die Arbeitslosenquote also von der gesamtwirtschaftlichen Produktion ab. Wie viele Beschäftigte die Unternehmen zur Produktion des BIP benötigen, wird durch die Arbeitsproduktivität bestimmt. Die Arbeitsproduktivität misst die Produktionsmenge, die mit einer Arbeitseinheit, gemessen in Stunden oder vollzeitbeschäftigten Erwerbstätigen, produziert werden kann. Die Arbeitsproduktivität selbst hängt von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere von den technologischen Kenntnissen und dem verwendenten Kapitalstock der Ökonomie.31 Wenn wir die Arbeitseinheit als eine in der Produktionsperiode vollzeitbeschäftigte Person definieren, können wir das Zustandekommen des BIP wie folgt darstellen:

\[\begin{equation} \text{BIP} = \text{Arbeitsproduktivität (pro Person)} \cdot \text{Beschäftigte} \tag{8.3} \end{equation}\]

Wir haben diese einfache Beziehung bereits im Kapitel 6 verwendet, um die Auswirkung einer Änderung der Staatsausgaben auf die Beschäftigung zu veranschaulichen, wobei wir dort davon ausgegangen waren, dass die Arbeitsproduktivität genau 1 beträgt. In unserem Modell wird die Beziehung zwischen Output, \(Y\), Arbeitsproduktivität, \(y\), und Beschäftigung, \(L\), durch folgende Gleichung bestimmt:

\[\begin{equation} Y = yL \tag{8.4} \end{equation}\]

Die in Gleichung (8.4) erfasste Beziehung könnte als kurzfristige Produktionsfunktion bezeichnet werden. Genau genommen ist dies eine limitationale Produktionsfunktion. Da unser Modell kurzfristig ist, nehmen wir an, dass der Kapitalstock in unserer Wirtschaft (Maschinen und Anlagen) konstant ist, aber nicht vollständig genutzt wird. Mit Anstieg der Beschäftigung steigt dann auch der Auslastungsgrad des Kapitalstocks. Bei Rückgang der Beschäftgung fällt der Auslastungsgrad. Ein mittel- und langfristiges Modell müsste dann natürlich die Auswirkungen von Investitionen und Abschreibungen auf den Kapitalstock und den technologischen Fortschritt berücksichtigen. Für die kurze Frist erfolgt dies hier jedoch nicht.

Wenn wir Gleichung (8.4) für die Beschäftigung, \(L\), umstellen, erhalten wir die Beschäftigung in Abhängigkeit von der gesamtwirtschaftlichen Produktion, die in unserem Modell bisher auf der Nachfrageseite bestimmt wurde:

\[\begin{equation} L = \frac{Y}{y} \tag{8.5} \end{equation}\]

Um die Zahl der Arbeitslosen und die Arbeitslosenquote zu berechnen, benötigen wir jetzt auch die Zahl der Erwerbspersonen, \(N\). Die Anzahl der Arbeitslosen, \(U\), wird also berechnet als \(U = N - L\). Die Arbeitslosenquote, \(u\), ist demnach gegeben durch \(u = U/N\).

Der Beschäftigungsstand im Gütermarktgleichgewicht, \(Y^*\), ist demnach:

\[\begin{equation} L^* = \frac{Y^*}{y} \tag{8.6} \end{equation}\]

Die Arbeitslosenquote im Gütermarktgleichgewicht ergibt sich als:

\[\begin{equation} u^* = \frac{N - L^*}{N} \tag{8.7} \end{equation}\]

bzw.

\[\begin{equation} u^* = \frac{U^*}{N} \tag{8.8} \end{equation}\]

In der interaktiven Abbildung 8.1 ist dieser Zusammenhang dargestellt, wobei wir die Arbeitsproduktivität zunächst auf einen Wert von 1 gesetzt haben. Wie im Beispiel aus Kapitel 6 ist in der Abbildung die Produktion auf der vertikalen und die Beschäftigung auf der horizontalen Achse aufgetragen. Ändert sich die Produktion der Unternehmen, d.h. das BIP, \(Y\), so ändert sich auch die für die Produktion erforderliche Anzahl der Beschäftigten. Bei höherer Arbeitsproduktivität könnte die gleiche Produktionsmenge mit einer geringeren Anzahl von Beschäftigten produziert werden. In der Abbildung 8.1 kann die Arbeitsproduktivität verändert werden.

Abbildung 8.1: Link zur App

Natürlich können wir jetzt die Produktionsseite unserer Modellwirtschaft mit der Nachfrageseite aus den vorangegangenen Kapiteln verknüpfen. In Abbildung 8.2 können alle Parameter des einfachen Einkommen-Ausgaben Modells mit einer zinselastischen IS-Kurve und der Produktionsfunktion geändert werden.

Abbildung 8.2: Link zur App


  1. Auch die organisatorische Effizienz oder das Wohlbefinden der Beschäftigten könnten zum Beispiel als weitere Determinanten der Arbeitsproduktivität diskutiert werden.↩︎